
Ich glaub, ich wäre nicht für Gruppensex gemacht. Das hat nichts mit dem berühmten Penisneid zu tun, der schon viele Männer an den Rand der persönlichen Belastbarkeit gedrängt hat. Auch nicht damit, dass ich mich als prüde oder verklemmt einstufen würde. Ich bin schließlich mit dem Internet aufgewachsen. Viel mehr hätte ich einfach Angst, beim wilden Geschlechtsakt mit einer Frau und einem anderen Mann (so genannte Doppelpenetration) den Penis meines Mitstreiters zu berühren. Ich will einfach nicht Eichel an Eichel im Mund einer Frau hängen. Und dann noch möglicherweise mein Ejakulat auf dem Penisköpfchen des anderen platzieren - oder gar selbst angespritzt werden. Das gehört da nicht hin. Das sind Dinge, die mir Angst machen.
Als ich am Donnerstag von der Probe nach Hause kam, hörte ich meine Mutter schon von draußen durch die Haustüre lachen. Sowas macht mir Angst. Warum lacht die? Hat die ihren Neuen an ein Andreaskreuz gebunden und lässt den gerad Eigenurin trinken? Wird es doch einen zweiten Teil von “2 Girls, 1 Cup” geben? Tapsend laufe ich nach oben. Das Lachen kommt aus dem Wohnzimmer. Na Gott sei dank. Da ist die Decke für ein Andreaskreuz zu niedrig. Das Licht des Flatscreens reflektiert am Putz des Treppenhauses.
“Warum lachst du so?” Tränenüberströmt und unter tosendem Beifall schreit sie die Worte “VERLIEBT” und “LOK” in die Leere des Wohnzimmers, um dann wieder mit dem Kopf im blauen Leder der Couch zu versinken - ihr Lachen erstickt. “Noch mal bitte.” “DER TYP DA IST IN EINE DAMPFLOK VERLIEBT!” Ihr Zeigefinger geht Richtung Bildschirm, wo sich gerade eine Mischung aus Dirk Bach und Sloth in einem Museum der Deutschen Bahn mit fröhlichen Silberblick in die Hose greift. Ich setze mich.
“Rene (43) ist objektophil, das heißt, Rene erlangt sexuelle Befriedigung durch einen Gegenstand. In diesem Fall ist es die Lok 24. Im Museum für….” RTL2 mal wieder. Die haben schon immer verstanden, wie man die Deutschen bei Laune hält. Fickende Nazis im Big Brother Haus, koksende Superstars die ihre Kinder verkaufen, Lizenzrechte am Gina Lisa Porno und alle Folgen Yo-Ghi-Yo - RTL2 hat ein Händchen dafür, die unterste Schiene noch tiefer zu legen und ein wahre Sammlung von “Deutschlands erfolgloseste Hartz 4 Empfänger” vorzulegen. Ich glaube, RTL2 züchtet sogar eigenhändig soziale Brennpunkte, ähnlich wie Xavier Naidoo Kokainbäume oder Taff neureiche Prinzen- Arschlöcher. Reichs Raicki soll sich ficken, ich bin Metal Gear Prolet.
Da steht er nun, Rene. 43 Jahre alt, 1,65m groß, natürlich arbeitslos, Silberblick, (im organischen Sinne) Jungfrau und das Zimmer voller Lokomotivenposter. Ja, liebe Leser, es gibt einen Absatzmarkt für Lokomotivenposter. Das heißt auch, es gibt Leute, die den Auftrag haben, Lokomotivbilder zu fotografieren - also ein Loko- Motiv (Tusch!). Jetzt fragt man sich natürlich, wer von diesen drei Position der Dümmste ist: Der, der es fotografieren muss? Da gibt es Millionen von Frauen auf der Welt, die für einen 10€ Douglas Gutschein und eine George Clooney Munddusche die Brüste aus dem Dekolte hängen und gleichzeitig mit Zeige- und Mittelfinger einen kleinen Blick auf die kindlich rasierte Wurfstation gewähren - und was muss er Fotografien? Eine Lok. Bestimmt immer noch ansprechender als Hella von Sinnen, aber trotzdem - eine Lok.
Oder ist der Hersteller der Dumme - “Guten Tag, mein Name ist Roland Drehscheibe, ich möchte gerne eine Firma eröffnen, die sich auf die Herstellung von Lokomotivenpostern konzentriert, eröffnen. Kann ich einen Kredit über 200.000 Euro haben? Oh Danke, Lehman Brothers!”
Nein, ich glaube, es ist dann doch der Endkonsument. “Hallo, ich suche schon die ganze Zeit ein Poster mit einer Lok. Haben sie so etwas?” “Natürlich.” Eventuell ist es sogar die Kombo aus Verkäufer und Käufer - aber der letzte Schritt ist eindeutig der dämlichste. Weil hier wird kein Geld verdient, sondern ausgegeben.
Rene sucht also schon seit längerem die Lok 24. Lok 24 ist seine große Liebe, sein selbst betiteltes “Sahneschnittchen”, denn Lok 24 hat “so schöne große Ohren“. Doch Lok 24 wurde zur Renovierung irgendwo in irgendein Lager gebracht, wo sie, ähnlich wie Brigitte Nielsen, noch einmal richtig aufgebrezelt wird. Schließlich ist die Gute ja auch schon knapp 100 Jahre alt (auch wie Brigitte Nielsen… an dieser Stelle möchte ich auch unpassender Weise mal anmerken, dass die Kussszenen von Flava Flav und ihr in ”Strange Love” immer aussahen, als hätten sich zwei sehr dumme Dinosaurier geküsst).
Also kurz gefasst: Rene ist verzweifelt, weil die Lok nicht auffindbar ist. Naja, so ein knapp 30 Meter großes, 100 Tonnen schweres Ding kann auch mal schnell verschwinden. Schließlich hab ich meine Mutter auch schon mal gesucht (Tusch Tusch).
Der (leicht dümmliche) Rene ist zwar nicht gerade die hellste Birne am Leuchter, hat sich aber, ähnlich wie sich alleinreisende Geschäftsmänner die Vagina ihrer Frauen/Freundinnen in Silikon nachgießen lassen, einen handlichen Nachbau seiner Geliebten zusammenschustern lassen. Der knapp ein Meter lange, 50 cm hohe Metallnachbau von Lok 24 schmeckt zwar nicht so gut beim Küssen wie das Original, geht aber wenigstens mit unter die kuschelige Decke. So leckt, küsst und masturbiert sich Rene in einer wilden Orgie mit sich selber durch die Nacht - so wild, dass am nächsten Morgen die Räder fehlen. Auch an der Lok. Lachend erklärt er im lispelnden Tonfall: “Ich schraub nach einer heißen Nacht lieber ein paar abgefallene Metallstücke an meine Lok, als mich mit einer schlechtgelaunten Frau zu unterhalten.” Mal davon abgesehen, dass wir das alle kennen, hat er natürlich auch Recht. Schrauben im Bett kannste abklopfen, Schleim & Blut nicht.
Urplötzlich nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung, als ein mysteriöser Sexualwissenschaftler, der in seiner Position ein wenig an Ben Kenobi erinnert, auftaucht und Rene dringend rät, die gesuchte Lok zu finden. Es ginge hier um Leben und Tod - nicht, dass sie verschrottet wird! Beim puren Gedanken an eine mögliche Hinrichtung laufen Tränen aus den schief sitzenden Augenhöhlen Renes. Er muss sie finden, bevor es zu spät ist. Mit dem Song “Can’t fight this feeling anymore” läutet sich der Werbeblock ein - RTL2 versteht es, Dramatik zu schaffen. Die Coen Brothers machen halt doch noch mehr, als nur Filme.
Ich gucke meine Mutter an. Die liegt inzwischen in Embryohaltung auf der Couch und versucht verzweifelt Wasser durch eine geschlossene Flasche zu trinken. “DAS IST UNGLAUBLICH!” Ich wende kommentarlos den Kopf wieder Richtung Fernseher. Aha, also ua. der Coca Cola Konzern hat durch den Kauf einer Werbeposition dieses Highlight mit ermöglicht. Ich hebe nickend meine Cola Light Flasche und küsse in Gedanken den Programmdirektor von “Explosiv - die Reportage”
Es geht weiter. “Deutschlands schrägste Liebschaften” - und direkt eine gute Nachricht. Die Lok lebt, Rene darf sie besuchen - eine ganze Nacht lang. Na endlich. Also rein in die feinsten Fishbone- Klamotten und den Deo auf die Stirn - heut Nacht wird gefickt. Natürlich muss noch ein Geschenk her - und was schenkt man einer Lok, wenn man in sie verliebt ist? Richtig, eine Kette fürs Ohr. So hab ich meine Olle auch gekriegt. Also auf in den Schmuckladen und beraten lassen - man will ja auch alles richtig machen beim ersten Date. Die Verkäuferin zeigt sich sehr interessiert (man beachte hierbei, dass es sich zwar um eine Lok handelt, aber die Dame stark von einer echten Frau ausgeht)
- “Was soll es denn sein?”
- “Ich möchte ihr eine Kette ans Ohr hängen.”
- “Aha - wie groß ist sie denn?”
- “Naja, schon größer als ich.”
- “Statur?”
- “Wesentlich breiter als ich. Sie hat große Ohren!! Das finde ich so sexy.”
- “Aha. Hautfarbe?”
- “Schwarz.”
- “Haarfarbe?”
- “Sie hat keine Haare.”
Kurz gesagt: Biggie Smalls.
Rene löst auf. Warum die Lok verleugnen? “Es geht gar nicht um eine Frau” verrät das Riesenbaby mit schüchterndem Mädchenblick. “ACHSO! Um ein Tier?” “Nein.” “Um was dann?” “Naja… um eine Lok!” “Na sagen sie das doch. Sprechen sie mit mir! Das ist doch nichts, wofür man sich schämen muss!” Schnitt, gleiche Dame im Einzelgespräch: “HAHAHA DAS WAR DAS DÜMMSTE, WAS ICH JE GEHÖRT HABE!” Kompetenz, kompetenz. Rene verlässt den Laden mit einer riesigen Kette und betritt die Lokomotivenscheune für das Grande Finale. Das ist aber so wunderbar und berührend, dass ihr es selber erleben müsst. Ehrlich. Das war der Zeitpunkt, als ich meine Mutter in ihr Bett tragen musste. Der Zeitpunkt, an dem ich selber so nass unten rum war, dass ich die Kissen abziehen musste. Und weil manche Schönheit nicht in Worte zu fassen ist (ähnlich wie meine Freundin oder das neue Guitar Hero) will ich euch mit diesem kurzen Clip alleine lassen.
http://www.youtube.com/watch?v=KppzLafNxR8
In diesem Sinne -
Euer LOKSTAH
